Lantschaft

Lantschaft

Curated by Cristoph Tannert


Galerie Alte Schule Adlershof, Berlin , Germany

26.1.– 16.3.2019


Kunstsammlung Neubrandenburg, Germany

16.01-07.06.2019


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Lantschaft


Natur als Landschaft stellt nach wie vor einen Teil unseres Lebensraum dar. Allerdings ist es, nach unzähligen Versuchen und auch Erfolgen, von ihr unabhängig zu werden, längst nicht mehr Konsens, dass wir Teil von ihr sind. Dennoch: jedes Individuum - und auch jede menschliche Gesellschaft – steht in direktem oder indirektem Verhältnis zur Landschaft, bestimmt seine Position in Relation zur gegebenen Natur.


Die Entwicklung landschaftlichen Sehens ist eng mit der Emanzipation menschlichen Denkens verbunden. Mit dem

Begriff „lantschaft“ wurde im Mittelhochdeutschen noch eine bestimmte Gegend und ihre Einwohner als Einheit zusammengefasst. Doch dieses mittelalterliche Eingebunden-Sein, das faktische Verwurzelt-Sein des Menschen in der Natur, dass sich auch in den biblischen Worten zum Schicksal

Adams widerspiegelt: „Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“, löste sich auf. Das moderne Individuum entfaltete und emanzipierte sich, ließ zeitgleich die Landschaft als das

Gegenüber stehen. Landschaft war von da ein Ort, an dem das neue Selbstverständnis des Menschen entwickelt und erprobt werden konnte. Mit dem sich wandelnden Bild des Menschen von sich selbst, änderte sich gleichermaßen seine Wahrnehmung von Landschaft. Paradigmen neuzeitlichen Denkens – sich bewusst werden, sich abgrenzen, analysieren, schließlich wieder sehnsuchtsvoll suchen, darstellen und reproduzieren – spiegelten sich in dem Bild und der Vorstellung, die man von Landschaft hatte. Verallgemeinernd gesagt: die Landschaft durchlief kulturgeschichtlich eine ähnliche Entwicklung wie das Individuum –

von Unterscheidung und Emanzipation bis hin zu Trennung und Entfremdung.

Natur als Landschaft ist also ein Produkt des schöpferischen

Geistes und hat somit ein äußerst wandelbares Bild.

Sie ist ein Konstrukt, eine Projektion und Objekt vielfältiger Inanspruchnahme: ökonomisch, ideologisch, ästhetisch

und politisch. Aus der Nutzung und Gestaltung von Landschaft ist deren Unterwerfung und schließlich Überwindung

geworden. Dem Urbar-Machen und Ausbeuten folgte das Verdrängen. Das Gegenüber von Mensch und

Landschaft scheint heute bestenfalls noch ein Nebeneinander zu sein.

Wie sehen wir Natur und Landschaft heute? Gelten die herkömmliche Definitionen noch? Leben wir im Zeitalter

der Nicht-Landschaft? Ist Landschaft der Rest da draußen?


Was sagt dieser Verlust und das zunehmende Nicht-Verhältnism zur Landschaft über uns selbst aus? Bedeutet das Entschwinden dieser Dualität auch eine Einbuße von Wirklichkeit, von Welt? Bleibt am Ende nur das „nackte Ich“ übrig? Gezeigt wird eine Ausstellung, die vor dem Hintergrund einer kritischen Betrachtung des Landschaftsbegriffes

gegenwärtige Ansätze zeigt und Positionen unterschiedlicher Natur – und Landschaftswahrnehmungen vorstellt.

Die beteiligten Künstler befragen die künstlerischen Traditionslinien, suchen neue Ausgangspunkte und setzen sich

dabei nicht zuletzt mit den Möglichkeiten ihres Mediums, der Malerei, auseinander. Landschaft wird hier befragt als Lebensraum, als Struktur,

Symbol und vom Menschen geordnetes System, als Ort individueller und kollektiver Erinnerung, als Spiegel der eigenen Identität und Subjektivität, als Erfahrung von Fremdheit, als vor-menschlicher und nach-menschlicher Zustand.

Die Ausstellung „lantschaft“ wagt die Behauptung, dass Natur als uns stets begleitende Landschaft noch immer zu

den wesentlichen Erfahrungsräumen unseres individuellen Daseins und zur komplexen Erfahrung der Gattung Mensch gehört.


Denise Richardt